Stuttgart (dpa) – Julian Nagelsmann entließ seine WM-Aspiranten um den mit seiner Joker-Rolle hadernden Matchwinner Deniz Undav nach dem ganz spät erzwungenen Sieg gegen Ghana mit den besten Wünschen zu ihren Vereinen. Für den Bundestrainer selbst war die erfolgreiche Länderspielwoche nach dem 4:3 in der Schweiz und dem 2:1 gegen den viermaligen Afrika-Meister dagegen in der Nacht zum Dienstag noch nicht beendet.
Der 38-Jährige machte sich vielmehr von Stuttgart auf den Weg nach Eindhoven, um dort den dritten Gruppengegner Ecuador beim Testen gegen die Niederlande persönlich im Stadion in Augenschein zu nehmen.
Der WM-Countdown läuft. Und keine zweieinhalb Monate vor dem Start der XXL-Endrunde mit erstmals 48 Mannschaften in den USA, Kanada und Mexiko werden Rollen definiert. Und Rollenspieler Nagelsmann wurde nach dem Happy End in Stuttgart aufgefordert, die WM-Rolle zu skizzieren, die er als Trainer mit dem viermaligen Fußball-Weltmeister Deutschland einnimmt.
«Jeder weiß: In K.o.-Spielen ist alles drin»
«Ich hoffe, eine gute», antwortete Nagelsmann: «Ich glaube nicht, dass wir Favorit sind. Ob wir jetzt Herausforderer sind, weiß ich nicht. Wir haben auf jeden Fall die Fähigkeiten, ein sehr gutes Turnier zu spielen. Wie jeder weiß, ist in K.o.-Spielen immer alles möglich – und da müssen wir hinkommen.»
Gegen Außenseiter Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador müsse es das Ziel sein, «dass wir die Gruppenphase gut überstehen, dass wir da stabiler sind als bei den letzten beiden Weltmeisterschaften und uns gute Voraussetzungen schaffen, um in der K.o.-Phase gute Spielorte, gute Gegner zu haben. Und dann ist in allen Richtungen etwas möglich», sagte Nagelsmann. Auch Weltmeister?
Für solche Wunschträume reichten die Auftritte in der Schweiz und gegen Ghana, das noch in der Nacht nach der nächsten Niederlage drei Tage nach der 1:5-Klatsche in Österreich Trainer Otto Addo feuerte, nicht aus. Die zwei März-Siege gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) vor der Heim-EM 2024 lösten nach einem Radikalumbruch im Kader mehr Euphorie im Lande aus.
Sieben Siege in Serie machen Mut
Und trotzdem: Nagelsmann verließ das Stuttgarter Stadion mit einem schon guten WM-Gefühl. «Wir haben ein paar Schritte nach vorne gemacht. Die Jungs haben ein sehr gutes Verständnis jetzt, wie sie auftreten müssen, wo sie ansetzen können, dass es noch stabiler wird», sagte er. Das Selbstvertrauen wächst mit jedem weiteren Sieg. Sieben am Stück sind es inzwischen. «Wir haben sicherlich zwei nicht perfekte Spiele gemacht. Aber wir haben beide Spiele trotzdem gewonnen», hob Kapitän Joshua Kimmich hervor.
Der 26-Mann-Kader steht weitgehend. Das Bayern-Duo Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic wird zum Start der Turniervorbereitung Ende Mai fest zurückerwartet. Hinter dem Dortmunder Felix Nmecha steht wegen seiner Außenbandverletzung am Knie dagegen ein riesiges Fragezeichen. Am 12. Mai wird Nagelsmann das vorläufige Aufgebot nominieren. Am 2. Juni geht der Flieger in die USA.
Noch «zwei schöne Tests» gegen Finnland und USA
Nagelsmann drückt jetzt erstmal «allen Spielern die Daumen», dass sie die Saison in ihren Vereinen bestmöglich beenden. «Sie sollen möglichst viele Titel mitbringen in die letzte Phase vor der WM», sagte der Bundestrainer: «Dann haben wir nochmal zwei schöne Tests gegen Finnland und die USA – und dann sind wir sehr gut präpariert und geben alles für ein gutes Turnier.»
Der Bundestrainer fährt einen klaren Personal-Kurs mit klar verteilten Rollen und Aufgaben. Er hat eine erste WM-Elf vor Augen, in der Spitze besetzt mit echten Unterschiedsspielern wie Florian Wirtz. Kai Havertz ist nach 16 Monaten zurück, er übernahm beim Handelfmeter zum 1:0 sofort wieder Verantwortung.
Eine große Entdeckung – und Ärger über Sané-Pfiffe
Bayern-Youngster Lennart Karl war die große Entdeckung der Woche. «Er hat einen Supereindruck gemacht», lobte Nagelsmann den 18-Jährigen, der den bei seiner Einwechslung ausgepfiffenen Leroy Sané als Flügelstürmer in der Gunst des Publikums schon überholt hat. Karl würde über eine Joker-Rolle in Amerika auch deutlich glücklicher sein als Undav. Selbes gilt für den Frankfurter Nathaniel Brown, der als linker Verteidiger gegen Ghana vollauf überzeugte.
Nagelsmann missbilligte den Fan-Unmut gegen den stets polarisierenden Sané: «Ich finde es wichtig, dass wir, egal, ob man jetzt zufrieden ist mit der Leistung oder nicht, den Spieler zumindest bei der Einwechslung so lange unterstützt, wie er den Adler auf der Brust trägt.» Auch der gefeierte Undav hielt einen flammenden Appell «an die Fans: Wir brauchen jeden Spieler, egal ob man Leroy mag oder nicht, wir werden ihn brauchen».
Undavs Wunsch – und Nagelsmanns Konter
Undav hielt dazu ein sportliches Plädoyer in eigener Sache. Er hadert mit der ihm frühzeitig zugewiesenen und in Stein gemeißelten Rolle als Teilzeitkraft. «Natürlich würde ich sie gerne verändern», sagte der gefeierte Lokalheld. 18 Tore für den VfB Stuttgart in der Bundesliga qualifizieren ihn aus seiner Sicht für mehr als die Joker-Rolle.
Nagelsmann konterte: Undav ist für ihn ein Stürmer, der nach 70 Minuten frisch reinkommt und dann bei 42 Grad abliefert. «Ich glaube zu wissen, dass wir auch im Sommer auf jeden Fall Joker brauchen, die in der Lage sind, Spiele zu entscheiden», erklärte der Chefcoach. Sein Turnier-Drehbuch steht, inklusive Haupt- und Nebenrollen. «Die Rollengespräche habe ich nicht geführt für den März, sondern für die WM.»