Zürich (dpa) – Der Weltverband FIFA treibt eine mögliche Revolution der Abseitsregel voran. Als Teil von Tests in Kanada wird dabei auch ein Überprüfungssystem von Schiedsrichterentscheidungen für Trainer eingeführt. Zu Beginn der Saison der Canadian Premier League (CPL) am Samstag starte dort ein Pilotprojekt, teilte die FIFA mit.
In der Testphase wird die bisherige Regel für Abseits zugunsten der Angreifer geändert. Dies hatten die Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) zuletzt genehmigt. Dazu bekommen die Trainer in der höchsten rein kanadischen Liga die Möglichkeit, Entscheidungen der Unparteiischen checken zu lassen.
Wie könnte die neue Abseitsregel aussehen?
Der frühere Spitzentrainer Arsène Wenger setzt sich als Leiter der Abteilung für globale Fußballentwicklung bei der FIFA bereits seit sechs Jahren für eine geänderte Abseitsregel ein.
Dabei soll ein Spieler nicht im Abseits stehen, solange sich noch ein Körperteil, mit dem ein Tor erzielt werden kann, auf gleicher Höhe mit dem vorletzten gegnerischen Spieler befindet. Ein Spieler wird nur als im Abseits gewertet, wenn zwischen ihm und dem Verteidiger eine Lücke besteht. Dies bezeichnet die FIFA als «Daylight», also Tageslicht-Abseits.
Bislang steht ein Spieler schon im Abseits, wenn nur eines dieser Körperteile näher am Tor ist als der vorletzte Gegner.
Das sagen die FIFA und Infantino
Eine neue Abseitsregel soll laut FIFA für mehr Tore sorgen. «Indem wir diese neue Auslegung in einem professionellen Wettbewerb testen, können wir ihre Auswirkungen besser verstehen, unter anderem im Hinblick auf mehr Klarheit und einen flüssigeren Spielverlauf sowie die Förderung des Angriffsspiels», sagte der Franzose Wenger zu den Tests in Kanada.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte sich bereits Ende 2025 offen für eine mögliche Änderung der Abseitsregel gezeigt. «Wie können wir das Spiel offensiver und attraktiver machen», sagte Infantino damals.
Unter anderem in Italien liefen seit April 2022 bereits Tests, dort in den beiden höchsten Ligen der U18.
Was ändert sich für die Trainer?
In der kanadischen CPL gibt es keine speziellen Videoschiedsrichter, stattdessen dürfen die Trainer eine begrenzte Anzahl von Anträgen stellen, Entscheidungen überprüfen zu lassen. Dies ist bei Toren, Elfmetern, Roten Karten und Verwechslungen gestattet. Dazu überreichen die Trainer dem Vierten Offiziellen an der Seitenlinie eine Karte. Die strittigen Entscheidungen werden dann am Monitor angeschaut. Das System solle keinen Ersatz für den Video-Assistenten (VAR) sein, sondern den Schiedsrichtern Unterstützung bei kritischen Entscheidungen bieten, teilte die FIFA weiter mit.
Mexiko-Stadt (dpa) – Angesichts von Bedenken wegen der Sicherheitslage in Mexiko haben Präsidentin Claudia Sheinbaum und FIFA-Chef Gianni Infantino wenige Monate vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft Optimismus verbreitet. Sie habe sich mit Infantino zum Frühstück getroffen, schrieb Sheinbaum in den sozialen Medien, denn man prüfe gerade alles für die bevorstehende WM. «Es wird alles wunderbar werden», fügte sie hinzu.
Auch Infantino sagte, die WM werde «ein Erfolg für Mexiko.» Das Land ist neben den USA und Kanada einer von drei Gastgebern des Turniers. Das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika wird am 11. Juni im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt ausgetragen. Die Wiedereröffnung der renovierten Arena war am Wochenende vom Tod eines Fans überschattet worden, der bei einem Sprung über eine Außenbrüstung ums Leben kam.
Gewaltwelle im Frühjahr
Zuvor hatte die Sicherheitslage Zweifel an der Eignung Mexikos als Austragungsort aufkommen lassen. Ende Februar wurde der mächtige Drogenboss Nemesio Oseguera Cervantes bei einem Militäreinsatz in Mexiko getötet. Es folgten schwere Gewaltausbrüche seiner Anhänger. Mehr als 70 Menschen kamen ums Leben.
Inzwischen hat sich die Sicherheitslage im Land wieder normalisiert. Sheinbaum hat eine Sicherheitsgarantie abgegeben. Mehr als 100.000 Soldaten sollen für einen sicheren Ablauf sorgen. Alle Infrastrukturprojekte sollen rechtzeitig fertig werden.
Stuttgart (dpa) – Nur wenige Stunden nach dem 1:2 gegen die deutsche Nationalmannschaft hat sich WM-Teilnehmer Ghana «mit sofortiger Wirkung» von seinem Trainer Otto Addo getrennt. Das teilte der ghanaische Fußball-Verband (GFA) in der Nacht zu Dienstag mit. Man danke Addo für seinen Beitrag und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft, hieß es. Ein Nachfolger werde zu gegebener Zeit bekanntgegeben.
Addo war seit zwei Jahren Cheftrainer der «Black Stars». 2022 hatte er das Team schon einmal als Interimscoach betreut und war auch bei der WM in Katar zuständig, als Ghana in der Gruppenphase ausschied.
Vor der Niederlage in Stuttgart, bei der VfB-Profi Deniz Undav in der 88. Minute das Siegtor erzielte, hatte Ghana gegen Österreich 1:5 verloren. Bei der in den USA, Kanada und Mexiko stattfindenden WM trifft Ghana in der Gruppenphase auf England, Kroatien und Panama.
Addo ist der Sohn ghanaischer Eltern und in Deutschland aufgewachsen. Der 50-Jährige spielte in der Bundesliga unter anderem für den Hamburger SV und Borussia Dortmund. Er lebt inzwischen in Düsseldorf.
Addo spricht nach dem Abpfiff noch über die WM
Nach der späten Niederlage hatte er am Montagabend eine Steigerung im Vergleich zum Debakel in Österreich festgestellt. «Wir haben ein anderes Gesicht gezeigt. Es war besser von der Einstellung, von der Mentalität. Die Jungs haben sich reingehauen. Die zweite Halbzeit fand ich richtig gut von uns gegen eine sehr, sehr starke deutsche Mannschaft», sagte Addo im ARD-Interview.
«Wenn man verliert, gibt’s immer Kritik, das ist klar. Das ist der Job des Trainers, das auszuhalten. Wir haben eine gute Führung, die in der Regel auch ruhig geblieben ist», erklärte er mit Blick auf den Verband.
Angesichts einiger Verletzter müsse er vor der WM auch ein bisschen probieren. «Das klappt noch nicht ganz alles so, da muss man die eine oder andere Niederlage einstecken», sagte Addo und sprach noch davon, dass bei der WM das Auftaktspiel gegen Panama am wichtigsten sei. Am 18. Juni in Toronto wird dann aber ein anderer Coach das Team betreuen.
Stuttgart (dpa) – Deniz Undav hat abseits der Debatte um seine sportliche Rolle in der Fußball-Nationalmannschaft für sich eine weitere ganz spezielle Aufgabe entdeckt. Er möchte Bayern-Youngster Lennart Karl ein bisschen mehr Lockerheit beibringen.
«Er muss jetzt nicht die ganze Zeit quatschen. Ähnlich wie ich muss er nicht sein. Aber wie gesagt, der hält sich ja noch ein bisschen zurück. Ich hoffe, dass er ein bisschen aus sich rauskommt», sagte der als großer Spaßvogel bekannte Undav über den 18-jährigen Münchner.
Gute Leistungen beim DFB-Debüt
Karl hatte bei seinen Debüt-Einsätzen in der A-Nationalmannschaft nach Einwechslungen gegen die Schweiz (4:3) und Ghana (2:1) gute Leistungen gezeigt und seine Aussichten auf die WM-Teilnahme deutlich verbessert.
Abseits des Platzes ist der Teenager aber offenbar noch sehr zurückhaltend im großen DFB-Starensemble. Entsprechend hatte sich auch Bundestrainer Julian Nagelsmann zu seinen ersten Eindrücken über Karl geäußert.
Ähnlichkeit mit Ribéry
Undav (29) lobte Karl für die sportlichen Leistungen beim DFB-Debüt. Der Münchner erinnere ihn an den Franzosen Franck Ribéry. «Er ist ein brutaler Spieler, macht das sehr gut. Er hat so eine Abgezocktheit schon in dem Alter, ist frech beim Spielen, also jetzt im Training, nicht draußen. Er bringt eine gute Frische mit, hat genug Demut – und wie gesagt, er ist ein feiner Kerl», sagte der Stuttgarter.
Nun wolle er sich Karl «einfach mal packen», sagte Undav, «ein bisschen mit ihm quatschen». Denn: «Ich muss ihn noch ein bisschen lockerer hinkriegen, dass er ein bisschen lockerer wird abseits vom Platz.»
Und wenn sein Erziehungsauftrag für mehr Lockerheit scheitere? «Wenn nicht, soll er einfach Leistung bringen. Das ist das, was wir brauchen. Und wie gesagt, das ist ein brutaler Spieler. Und wir können in Deutschland froh sein, so einen Spieler zu haben», sagte Undav.
Athen (dpa) – Für die deutsche U21-Nationalmannschaft steht im Kampf um das direkte EM-Ticket ein Endspiel an. Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes braucht am Dienstag (18.00 Uhr/ProSieben Maxx) in Griechenland einen Sieg, um im Rennen um die Qualifikation für das Turnier im Sommer 2027 weiter vorne dabei zu sein.
Warum ist das Spiel so wichtig?
Es geht um den Gruppensieg. Griechenland führt die Tabelle mit 18 Punkten vor Deutschland (15 Punkte) an. Der Gruppensieg ist wichtig, weil er das direkte EM-Ticket zur Folge hat. Nach dem 2:3 im Hinspiel muss Deutschland in Athen gewinnen. Da die Griechen aktuell das bessere Torverhältnis haben, muss ein Sieg mit zwei Toren Vorsprung her, um im direkten Vergleich vorne zu sein und Griechenland zu überholen.
Siegt die Auswahl von U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo nur mit einem Treffer Vorsprung, muss sie bei ausgeglichenem direkten Vergleich darauf bauen, im September das bessere Torverhältnis im Fernduell zu bekommen.
Hat der Gruppenzweite auch eine Chance auf die EM-Teilnahme?
Ja, dann hat man immer noch alles selbst in der Hand. Für die Endrunde in Albanien und Serbien qualifizieren sich die neun Gruppensieger sowie der beste Gruppenzweite direkt. Die acht verbleibenden Gruppenzweiten bestreiten Play-offs, um die letzten vier Endrundenteilnehmer zu ermitteln. Diesen Umweg würde sich die deutsche Mannschaft aber gerne sparen.
Warum sind die deutschen Aussichten besser als im Hinspiel?
Beim 2:3 im Vorjahr fehlten der deutschen Mannschaft eine Reihe von Abwehrspielern. Zudem war das Team noch nicht eingespielt, lag damals nach nicht einmal einer Viertelstunde mit 0:2 zurück. Jetzt ist die Auswahl um Kapitän Tom Bischof eingespielter und will beweisen, dass sie besser als Griechenland ist.
Wie ist die Form der U21?
Das Team ist mit guter Form nach Griechenland geflogen. Durch einen Doppelpack von Nicolò Tresoldi und einem weiteren Treffer von Nelson Weiper wurde Nordirland am Freitag mit 3:0 besiegt. Gegen Griechenland muss sich das Team aber steigern. Ein U21-Premierentor von Köln-Star Said El Mala könnte helfen.
Wie ist die Bilanz gegen Griechenland?
Das Spiel ist bereits das 13. Duell. Vier Spiele gewann die DFB-Auswahl, dreimal endeten die Partien mit einem Unentschieden und fünfmal setzte sich das griechische Team durch.
Stuttgart (dpa) – Nach seinem späten Glücksmoment gegen Ghana schlüpfte Deniz Undav gleich in mehrere Rollen. Der selbstbewusste Torschütze zum 2:1 war leidenschaftlicher Anwalt für den von den eigenen Fans ausgepfiffenen Leroy Sané. Er war auch Kumpel und Pädagoge für den im Kreise der Fußball-Nationalmannschaft noch schüchternen Bayern-Teenager Lennart Karl.
Mit seiner eigenen Jobbeschreibung für den WM-Sommer möchte sich der Torjäger des VfB Stuttgart aber nicht abfinden. Nur Julian Nagelsmanns Top-Joker: Dafür hält sich Undav immer noch für überqualifiziert. Seine Möglichkeiten sind auch in Amerika eher unbegrenzt, findet der 29-Jährige.
«Natürlich würde ich sie gerne verändern», sagte Undav zu der ihm von Nagelsmann zugewiesenen Rolle als Kurzzeitarbeiter. «Der Erfolg der Mannschaft steht natürlich über allem. Und wie gesagt, jeder hat seine Rolle. Ich hoffe, ich kann die noch verändern», sagte der von den Heimfans schon als Bankdrücker lange vor seinem Siegtor euphorisch gefeierte und geforderte Stuttgarter.
Kimmich sieht «tolle Geschichte»
Mit seinem Treffer in der 88. Minute setzte der Stürmer den erfolgreichen Schlusspunkt unter eine für ihn turbulente Woche mit vielen Diskussionen über seinen Stellenwert bei der Fußball-Nationalmannschaft. «Eine tolle Geschichte auf jeden Fall», sagte Joshua Kimmich zum Tor-Happy-End.
Der DFB-Kapitän fügte aber an, dass «man auch eine sehr gute Bank braucht und Spieler, die dann auch in den letzten 30, 35 Minuten einen Unterschied machen können». Das ist exakt auch Nagelsmanns Denke. Dem Bundestrainer waren mediale Begleitung und vielleicht auch die lautstarke Fan-Liebe zu viel Fokus auf Undav.
«Er hat sein Tor gemacht, das ist sein Auftrag, das ist seine Rolle. Und damit ist, glaube ich, alles besprochen jetzt im Sieben-Tage-Dauerthema Deniz Undav.» Wie kompliziert es werden kann, wenn ein Fan-Liebling nur Turnier-Reservist ist, hatte der Bundestrainer mit Niclas Füllkrug bei der Heim-EM 2024 erlebt.
Aus dem «Sieben-Tage-Dauerthema», wie es Nagelsmann nannte, darf keine Sommer-Endlosschleife werden. Mit seinen betonierten Rollenprofilen will der Bundestrainer genau solche Diskussionen bei der WM verhindern.
Tor-Quote brachte Kaderplatz
Nagelsmann sieht Undav – wenn überhaupt – nur als Joker in seinem WM-Aufgebot. Die Nominierung für die Länderspiele gegen die Schweiz (4:3), gegen die Undav keine Minute spielte, und Ghana begründete er nur mit der guten Torquote Undavs beim VfB Stuttgart. 18 Bundesliga-Tore erzielte er in dieser Saison. Nur Bayerns Superstürmer Harry Kane (31 Tore) traf häufiger.
Im Angriffszentrum sind Kai Havertz und Nick Woltemade Nagelsmanns Optionen. Auf der Zehnerposition hofft der Bundestrainer auf eine Rückkehr von Jamal Musiala und sieht Serge Gnabry vorn. Undav, der die legendäre Nummer 13 der Weltmeister Gerd Müller (1974) und Thomas Müller (2014) auf dem DFB-Shirt trägt, ist offenbar überall nur Backup des Backups.
Rollenwechsel «unwahrscheinlich»
Einen Rollenwechsel Undavs sieht er erst einmal nicht. «Eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche nicht geführt habe für den März, sondern für die WM», sagte Nagelsmann. Gegen Ghana habe Undav bis zu seinem Tor auch kein gutes Spiel gemacht, urteilte der Bundestrainer.
«Jeder Spieler sollte den Drang haben, eine bessere Rolle zu spielen. Das ist gut so. Den Ehrgeiz muss man dann auch auf dem Feld umsetzen in Leistung», sagte er. Undavs Auftritt mit dem vierten Tor im siebten Länderspiel manifestiere somit eher seine Rolle als später Glücksbringer.
Undav, das ist klar, muss bis zur Nominierung am 12. Mai beim VfB weiter hochtourig Tore schießen. Seine Story könnte dann sogar noch kitschiger werden. Am Tag des Endspiels, dem 19. Juli, wird er 30 Jahre alt. Mario Götze, der letzte deutsche WM-Siegtorschütze, kam 2014 in Rio de Janeiro gegen Argentinien als Joker auf den Platz.
Leipzig (dpa) – Es ist das große Finale: Sechs WM-Tickets sind noch zu vergeben – vier in Europa, zwei beim interkontinentalen Turnier in Mexiko. Zeitgleich um 20.45 Uhr steigen heute die UEFA-Spiele. Die Duelle zwischen Jamaika und der Demokratischen Republik Kongo (23.00 Uhr) sowie Irak und Bolivien (5.00 Uhr) ziehen sich bis in den Mittwochmorgen – dann stehen alle 48 Teilnehmer der WM in den USA, Kanada und Mexiko fest. Alle Spiele werden auf DAZN übertragen. Das muss man sonst noch wissen.
Die Bundesliga in den Playoffs
Ohne die Bundesliga liefe in den europäischen Playoff-Finals wenig. Fast 30 Profis aus den ersten beiden deutschen Ligen sind in den vier Spielen mindestens im Kader – nur Italien hat keinen Deutschland-Legionär in seinen Reihen. Mit sechs Profis stellt Bosnien-Herzegowina das größte deutsche Kontingent – und den Stürmern Edin Dzeko, Ermedin Demirovic sowie Elfmeter-Killer Nikola Vasilj könnte gegen Italien eine Schlüsselrolle zukommen.
Der Kosovo könnte sich erstmals für ein großes Turnier qualifizieren. In den Hoffenheimern Fisnik Asllani und Albian Hajdari sowie Elvis Rexhbecaj vom FC Augsburg und dem Düsseldorfer Florent Muslija dürften gegen die Türkei alle vier in Deutschland spielenden Profis in der Startelf stehen. Tschechien setzt gegen Dänemark auf seinen Torjäger Patrik Schick (Bayer Leverkusen), während beim Spiel Schweden gegen Polen aus Sicht der Bundesliga wohl nur Polens Torwart Kamil Grabara (VfL Wolfsburg) im Blickpunkt stehen dürfte.
40 Jahre Warten für den Irak
Eine durchaus strapaziöse Anreise hatte der Irak zu seinem Spiel gegen Bolivien. Weil der irakische Luftraum aufgrund des Iran-Kriegs seit Wochen gesperrt ist, reiste das Team unter strikten Sicherheitsmaßnahmen auf dem Landweg ins benachbarte Jordanien. Von Amman aus ging es für einen Teil der Mannschaft in einem Privatflieger nach Mexiko. Der Rest reiste später oder aus Europa an.
«Es hat drei Tage gedauert, um aus Bagdad heraus hierherzukommen», sagte Trainer Graham Arnold. Nach zwei Tagen Regeneration startete man sieben Tage vor dem Spiel in Monterrey mit der fokussierten Vorbereitung. «Ich muss das Positive sehen und das Positive ist, dass wir hier sind. Wir haben einen Job zu erledigen», sagte Arnold: «Wir wollen 46 Millionen Menschen im Irak stolz machen.»
Im Jahr 1986 hatte sich der Irak zuletzt für eine WM qualifiziert. «Wir wissen, dass es ein historisches Spiel wird. Es ist 40 Jahre her, dass wir uns zuletzt für eine WM qualifiziert haben. Dieses Spiel wird den irakischen Fans viel Freude bereiten», sagte Mittelfeldspieler Zaid Ismail.
Schweden und das Sicherheitsnetz
Trotz einer grauenvollen Qualifikation träumt Schweden noch immer von der WM. In der Qualifikationsgruppe wurde man Letzter, nicht mal ein Sieg sprang trotz Stars wie dem aktuell verletzten Alexander Isak und Viktor Gyökeres heraus. Und trotzdem spielt man heute gegen Polen um die WM-Teilnahme – einer Hintertür sei Dank.
Die UEFA vergab nämlich Wildcards an die vier besten Gruppensieger der vergangenen Nations League, die es in der regulären WM-Quali nicht unter die besten beiden Teams geschafft hatten. Die anderen Wildcard-Mannschaften Rumänien, Nordirland und Nordmazedonien scheiterten alle im Halbfinale – Schweden ist noch dabei.
Das Drama vor den Playoffs
Klar, es werden Tränen fließen. Freudentränen bei den Siegern mit dem WM-Ticket, Tränen der Enttäuschung bei den Verlierern. Doch richtig Drama gab es bereits vor den Playoffs, das zweite und letzte interkontinentale Finale zwischen dem Irak und Bolivien am Mittwochmorgen steht sinnbildlich dafür.
Der Irak qualifizierte sich erst durch einen Elfmeter in der 17. Minute der Nachspielzeit im Spiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Amir Al Ammari behielt in Basra vor fast 65.000 Fans die Nerven.
Und Bolivien? Die waren eigentlich in der südamerikanischen Qualifikation schon nahezu gescheitert. Am letzten Spieltag besiegte man jedoch überraschend Rekordweltmeister Brasilien durch einen Elfmeter mit 1:0 und zog noch an Venezuela vorbei. Nun geht es um das letzte WM-Ticket.
Stuttgart (dpa) – Julian Nagelsmann entließ seine WM-Aspiranten um den mit seiner Joker-Rolle hadernden Matchwinner Deniz Undav nach dem ganz spät erzwungenen Sieg gegen Ghana mit den besten Wünschen zu ihren Vereinen. Für den Bundestrainer selbst war die erfolgreiche Länderspielwoche nach dem 4:3 in der Schweiz und dem 2:1 gegen den viermaligen Afrika-Meister dagegen in der Nacht zum Dienstag noch nicht beendet.
Der 38-Jährige machte sich vielmehr von Stuttgart auf den Weg nach Eindhoven, um dort den dritten Gruppengegner Ecuador beim Testen gegen die Niederlande persönlich im Stadion in Augenschein zu nehmen.
Der WM-Countdown läuft. Und keine zweieinhalb Monate vor dem Start der XXL-Endrunde mit erstmals 48 Mannschaften in den USA, Kanada und Mexiko werden Rollen definiert. Und Rollenspieler Nagelsmann wurde nach dem Happy End in Stuttgart aufgefordert, die WM-Rolle zu skizzieren, die er als Trainer mit dem viermaligen Fußball-Weltmeister Deutschland einnimmt.
«Jeder weiß: In K.o.-Spielen ist alles drin»
«Ich hoffe, eine gute», antwortete Nagelsmann: «Ich glaube nicht, dass wir Favorit sind. Ob wir jetzt Herausforderer sind, weiß ich nicht. Wir haben auf jeden Fall die Fähigkeiten, ein sehr gutes Turnier zu spielen. Wie jeder weiß, ist in K.o.-Spielen immer alles möglich – und da müssen wir hinkommen.»
Gegen Außenseiter Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador müsse es das Ziel sein, «dass wir die Gruppenphase gut überstehen, dass wir da stabiler sind als bei den letzten beiden Weltmeisterschaften und uns gute Voraussetzungen schaffen, um in der K.o.-Phase gute Spielorte, gute Gegner zu haben. Und dann ist in allen Richtungen etwas möglich», sagte Nagelsmann. Auch Weltmeister?
Für solche Wunschträume reichten die Auftritte in der Schweiz und gegen Ghana, das noch in der Nacht nach der nächsten Niederlage drei Tage nach der 1:5-Klatsche in Österreich Trainer Otto Addo feuerte, nicht aus. Die zwei März-Siege gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) vor der Heim-EM 2024 lösten nach einem Radikalumbruch im Kader mehr Euphorie im Lande aus.
Sieben Siege in Serie machen Mut
Und trotzdem: Nagelsmann verließ das Stuttgarter Stadion mit einem schon guten WM-Gefühl. «Wir haben ein paar Schritte nach vorne gemacht. Die Jungs haben ein sehr gutes Verständnis jetzt, wie sie auftreten müssen, wo sie ansetzen können, dass es noch stabiler wird», sagte er. Das Selbstvertrauen wächst mit jedem weiteren Sieg. Sieben am Stück sind es inzwischen. «Wir haben sicherlich zwei nicht perfekte Spiele gemacht. Aber wir haben beide Spiele trotzdem gewonnen», hob Kapitän Joshua Kimmich hervor.
Der 26-Mann-Kader steht weitgehend. Das Bayern-Duo Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic wird zum Start der Turniervorbereitung Ende Mai fest zurückerwartet. Hinter dem Dortmunder Felix Nmecha steht wegen seiner Außenbandverletzung am Knie dagegen ein riesiges Fragezeichen. Am 12. Mai wird Nagelsmann das vorläufige Aufgebot nominieren. Am 2. Juni geht der Flieger in die USA.
Noch «zwei schöne Tests» gegen Finnland und USA
Nagelsmann drückt jetzt erstmal «allen Spielern die Daumen», dass sie die Saison in ihren Vereinen bestmöglich beenden. «Sie sollen möglichst viele Titel mitbringen in die letzte Phase vor der WM», sagte der Bundestrainer: «Dann haben wir nochmal zwei schöne Tests gegen Finnland und die USA – und dann sind wir sehr gut präpariert und geben alles für ein gutes Turnier.»
Der Bundestrainer fährt einen klaren Personal-Kurs mit klar verteilten Rollen und Aufgaben. Er hat eine erste WM-Elf vor Augen, in der Spitze besetzt mit echten Unterschiedsspielern wie Florian Wirtz. Kai Havertz ist nach 16 Monaten zurück, er übernahm beim Handelfmeter zum 1:0 sofort wieder Verantwortung.
Eine große Entdeckung – und Ärger über Sané-Pfiffe
Bayern-Youngster Lennart Karl war die große Entdeckung der Woche. «Er hat einen Supereindruck gemacht», lobte Nagelsmann den 18-Jährigen, der den bei seiner Einwechslung ausgepfiffenen Leroy Sané als Flügelstürmer in der Gunst des Publikums schon überholt hat. Karl würde über eine Joker-Rolle in Amerika auch deutlich glücklicher sein als Undav. Selbes gilt für den Frankfurter Nathaniel Brown, der als linker Verteidiger gegen Ghana vollauf überzeugte.
Nagelsmann missbilligte den Fan-Unmut gegen den stets polarisierenden Sané: «Ich finde es wichtig, dass wir, egal, ob man jetzt zufrieden ist mit der Leistung oder nicht, den Spieler zumindest bei der Einwechslung so lange unterstützt, wie er den Adler auf der Brust trägt.» Auch der gefeierte Undav hielt einen flammenden Appell «an die Fans: Wir brauchen jeden Spieler, egal ob man Leroy mag oder nicht, wir werden ihn brauchen».
Undavs Wunsch – und Nagelsmanns Konter
Undav hielt dazu ein sportliches Plädoyer in eigener Sache. Er hadert mit der ihm frühzeitig zugewiesenen und in Stein gemeißelten Rolle als Teilzeitkraft. «Natürlich würde ich sie gerne verändern», sagte der gefeierte Lokalheld. 18 Tore für den VfB Stuttgart in der Bundesliga qualifizieren ihn aus seiner Sicht für mehr als die Joker-Rolle.
Nagelsmann konterte: Undav ist für ihn ein Stürmer, der nach 70 Minuten frisch reinkommt und dann bei 42 Grad abliefert. «Ich glaube zu wissen, dass wir auch im Sommer auf jeden Fall Joker brauchen, die in der Lage sind, Spiele zu entscheiden», erklärte der Chefcoach. Sein Turnier-Drehbuch steht, inklusive Haupt- und Nebenrollen. «Die Rollengespräche habe ich nicht geführt für den März, sondern für die WM.»